Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)
 

Davide penitente

 

Geht man also davon aus, dass dieser Mozart keine göttliche, aber auch keine dämonische, sondern eine in jeder Beziehung humane Musik schrieb, dann liegt das Geheimnis dieser Musik eben gerade darin, dass sie stets beides zugleich hörbar macht: das Helle und das Dunkle, Freude und Schmerz, Leben und Tod Beides freilich nicht einfach neutral gleichgewichtig nebeneinander und durcheinander sondern das Dunkle immer wieder im Hellen aufgehoben!
Hans Küng

"Die Societätmitglieder in Wienn zum Besten der Wittwen und Waisen verlangten von Mozart ein Oratorium 1783. Da aber die Zeit, ein neues zu komponiren, zu kurz war, nahm er eine große unvollendete Messe hervor und legte derselben einen vom italienischen Dichter verfaßten Text unter, und so entstand das sogenannte Oratorium: Davidde penitente, worinn die Chöre aus dem Kyrie und Gloria genommen und in der Fuge ein dreistimmiges Solo von ihm eingeschaltet wurde."

Dies ist die erste Beschreibung von Wolfgang Amadeus Mozarts (1756-1791) Kirchenkantate Davide penitente (Der bußfertige David, KV 469), verfasst vom niederösterreichischen Benediktinerpater Abbé Maximilian Stadler. Dieser wurde 1798 von Constanze Mozart beauftragt, den musikalischen Nachlass ihres Mannes zu ordnen. Stadler kannte Mozarts Kompositionen - besonders die der Wiener Zeit - genau, sein Kommentar zur Kantate ist zutreffend, wenn auch im Detail ungenau.

Die 1771 gegründete Wiener Tonkünstlersocietät - der spätere Haydn-Verein - veranstaltete regelmäßige Benefizkonzerte, deren Einnahmen in die Rentenkasse der Versicherten flossen und den Hinterbliebenen österreichischer Musiker zugute kamen. Ihre zweimal jährlich veranstalteten Akademien zählten zu den ersten regelmäßigen öffentlichen Konzerten in Wien. Anfang 1785 bat die Societät unter der Präsidentschaft des Hofkapellmeisters Giuseppe Bonno Mozart um die "Verfertigung neuer Chöre, und allenfalls vorgehenden Arien mit Recitativen", die in der Fastenzeit aufgeführt werden sollten. Mozart stand damals als Komponist wie Klaviervirtuose am Höhepunkt seiner Karriere und nahm wohl bereitwillig eine der durch die josephinischen Reformen selten gewordenen Möglichkeiten wahr, seine "auch im Kirchenstyl ausgebildeten Kenntnisse" zu zeigen. Da er der Gesellschaft selbst gerne beitreten wollte, sicherte er seine Teilnahme als Komponist und Dirigent zu und versprach einen "Psalm". Allerdings stand er zu dieser Zeit unter großem Termindruck: Zwischen 11. und 18. März veranstaltete er etwa in Eigenregie sechs Konzerte in der Mehlgrube sowie eine Akademie im Burgtheater. Das hier aufgeführte Klavierkonzert in C-Dur KV 467 wurde erst am Vortag vollendet. Außerdem beteiligte sich Mozart zumindest drei Mal an fremden Konzerten, blieb vermutlich auch den Musikzirkel im Hause seines Gönners Baron Gottfried van Swieten nicht fern und hatte seinen Vater Leopold und dessen Zögling, den Geiger Heinrich Marchand, zu Besuch.

So entschloss er sich wohl dazu, seine Fragment gebliebene und bis dahin in Wien gänzlich unbekannte Messe in c-moll KV 427 im Parodieverfahren umzuarbeiten. Diese war 1783 ohne offiziellen Auftrag entstanden, vermutlich in Zusammenhang mit einem Versprechen, das Mozart rund um seine Hochzeit im Sommer 1782 abgelegt hatte. Die Messe sollte wohl auch den Vater, der sich vehement gegen diese Ehe ausgesprochen hatte, versöhnen und diesem wie den ehemaligen Salzburger Kollegen Constanze als Sopransolistin präsentieren. Wiewohl nicht vollständig, wurde sie, auch unter Beteiligung Mozarts Schwester Maria Anna, am 26. Oktober in St. Peter aufgeführt. Die Messe entspricht, und das erleichterte die spätere "Umarbeitung", der barocken Kantatenmesse, in der der Text in kleine Abschnitte unterteilt und höchst unterschiedlich sowie meist getrennt für Soli oder Chor vertont wird. So finden sich hier mächtige Chöre und archaische Fugen im "alten Stil" Bachs und Händels - Mozart setzte sich angeregt von van Swieten mit deren großen Chorwerken auseinander - neben opernhaften Koloraturarien. Die c-moll-Messe vereint somit wohl alles, was Mozart damals kompositionstechnisch interessierte. Vollständig vertonte er allerdings nur Kyrie, Gloria und Benedictus. Die ersten beiden Sätze zog er nun auch heran, um daraus, ohne Veränderung der musikalischen Substanz, durch Hinzufügung eines italienischen Textes und weiterer Nummern ein geistliches Werk für den Konzertsaal zu machen.

Der "italienischen Dichter" der Kantate könnte Lorenzo da Ponte gewesen sein, der spätere Librettist von Le nozze di Figaro, Don Giovanni und Così fan tutte. Die Texte der Chöre und Ensembles sind eher pathetisch, haben ein alttestamentarisches Gepräge und entsprechen dem Bußgedanken, diejenigen der Arien hingegen sind allgemein fromm gehalten, subjektiver im Ausdruck und dürften der zeitgenössischen Lyrik entstammen. Die "lateinische" Musik musste für die neuen italienischen Wörter nur minimal geändert werden.

Der Inhalt hat wenig mit dem über seinen Ehebruch mit der Frau des Feldherrn Urias und dessen Tod reumütigen König David aus dem Buch Samuel zu tun - er gilt unter anderem als der Verfasser der Bußpsalmen -, allerdings wurde der Titel Davide penitente von Mozart selbst nicht verwendet. Im Programm angekündigt war lediglich "una nuova Cantata addatata a questa occasione" (eine neue Kantate, für diese Gelegenheit adaptiert). "Il Davide" war damals aber ein beliebter Stoff und dem Publikum vertraut, vor 1800 erschienen nicht weniger als 72 Opern, Kantaten und Oratorien zu diesem Thema.

Der musikalisch heterogene Charakter der Messe erleichterte das Einfügen der beiden neuen Arien, die allerdings jeweils nach einem kurzen modulatorischen Übergang hin zu den folgenden Sätzen verlangten. Der erste Einschub ist die Tenorarie Nr. 6 "A te, fra tanti affani" (Bei dir, inmitten von soviel Qual), komponiert am 6. März für den beliebten Sänger des Belmonte aus der 1782 uraufgeführten Entführung aus dem Serail, Johann Valentin Adamberger. Am 11. März schrieb Mozart die Bravourarie Nr. 8 "Tra l’oscure ombre funeste" (Durch die düsteren, dunklen Wolken) für die "geläufige Gurgel" der Caterina Cavalieri, die erste Constanze der Entführung. Neu hinzu kam auch ein Soloterzett als Kadenz vor der Schlussfuge "Chi in Dio sol spera" (Wer auf Gott allein vertraut). Vor allem die Begleitung der Arien weist einen großen instrumentalen Reichtum auf, so etwa die Tenorarie mit dem solistisch besetzten Holzbläser-Quartett. Durch diese Einschübe wird das Werk zu einer ausgewogenen Kantate mit einer harmonischen Struktur, in deren Zentrum der Doppelchor "Se vuoi, puniscimi" (Bestrafe mich, wenn du willst) steht: "Der unvollendet gebliebene Torso der c-moll-Messe hat damit in neuer Form eine Vollendung durch Meisterhand gefunden." (Otmar Tönz)

Uraufgeführt wurde die Kantate am Passionssonntag (13. März) des Jahres 1785 im Nationaltheater in der Hofburg von etwa 150 Mitwirkenden, davon 80 Instrumentalisten, wohl einem Großteil der damals in Wien lebenden Musiker. Wiederholt wurde die "SocietätsMusique" zwei Tage später. Davide penitente wurde als "eine ganz neue, dieser Zeit angemessene Kantate" gewürdigt und blieb auch in der Folgezeit präsent, während die c-moll-Messe erst im 20. Jahrhundert wieder aufgeführt wurde. Mozart wurde übrigens nicht in die Tonkünstlersocietät aufgenommen: Er konnte den dazu erforderlichen Taufschein nicht vorlegen.

Über Mozarts Verhältnis zur Religion wurde viel geschrieben. Wolfgang Hildesheimer nannte ihn etwa eine "vordergründig und, vor allem, retrospektiv gesehen ,katholische Erscheinung’" und meinte, Davide penitente enthielte "alle Schwächen des nachträglich Unterschobenen, langgezogene Silben ziehen sich durch mehrere Takte und ergeben jene falschen Betonungen, die bei Mozart stets dort auftreten, wo er in seiner Musik nicht bei der Sache des Textes war." Aber zu meinen, Mozart hätte, wiewohl er sich auch damit theoretisch nicht auseinandersetzte, etwa bei der c-moll-Messe und somit auch beim Davide penitente "nichts oder nur wenig empfunden", widerspräche laut Hans Küng "nicht nur der ausserordentlichen musikalischen Qualität und Intensität dieser Musik, die jedes Wort subtil zur Geltung bringt. Es widerspräche auch seinem nie verleugneten, wenn auch freimaurerisch-aufgeklärten katholischen Glauben!" Zwei Jahre vor seinem Tod führte Mozart ein Gespräch mit dem Leipziger Thomaskantor Johann Friedrich Doles, in dem er den "aufgeklärten Protestanten" vorhielt, "ihr fühlt gar nicht, was das will: Agnus Dei, qui tollis peccata mundi, dona nobis pacem, u. dgl." Und dann sprach er über seine eigenen religiösen Erfahrungen: "Aber wenn man von frühester Kindheit, wie ich, in das mystische Heiligthum unserer Religion eingeführt ist; wenn man da, als man noch nicht wusste, wo man mit seinen dunkeln, aber drängenden Gefühlen hinsolle, in voller Inbrunst des Herzens seinen Gottesdienst abwartete, ohne eigentlich zu wissen, was man wollte; und leichter und erhoben daraus wegging, ohne eigentlich zu wissen, was man gehabt habe; wenn man die glücklich pries, die unter dem rührenden Agnus Dei hinknieten und das Abendmal empfingen, und beim Empfang die Musik in sanfter Freude aus dem Herzen der Knieenden sprach: Benedictus qui venit etc. dann ist ’s anders. Nun ja, das gehet freilich dann durch das Leben in der Welt verloren: aber - wenigstens ist ’s mir so - wenn man nun die tausendmal gehörten Worte nochmals vornimmt, sie in Musik zu setzen, so kommt das alles wieder, und steht vor Einem, und bewegt Einem die Seele."

Eva Maria Hois
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